Unter der Voraussetzung das man überhaupt etwas spürt und unter dem Wissen das es deutlich weniger ist als bei einem Profi.Trotzdem erfährt man dabei doch wie der Reifen reagiert.
Wie groß der Grenzbereich ist und ob man sich mit Reifen A ein höheres Tempo erlauben kann als mit Reifen B.
Um einen Reifen vollständig im Trockenen zu beurteilen, benötige ich als Profi ungefähr einen halben Tag auf abgesperrter Strecke und einen Vergleichsreifen, den ich am selben Tag fahre und den ich gut kenne. Im öffentlichen Straßenverkehr bekomme ich höchstens einen Eindruck einiger weniger Eigenschaften, aber mir gelingt es da nicht mal so nebenbei eine vollständige Reifenbeurteilung zu machen.
Wenn Du den Reifen im öffentlichen Straßenverkehr (ideale und ungefährliche Bedingungen voraus gesetzt) an die Grenzen bringst, kannst Du dann die folgenden Fragen eindeutig und trennscharf beantworten:
- Das Auto rutscht und untersteuert/übersteuert dabei stark: Lag es an der Fahrtechnik, an der Straße, oder war eine bestimmte Reifeneigenschaft der Auslöser?
- Das Auto bricht unerwartet aus: Lag es an der Fahrtechnik, an der Straße, oder war eine bestimmte Reifeneigenschaft der Auslöser?
- Das Auto verhält sich nicht so, wie Du es erwartet hättest: Lag es an der Fahrtechnik, an der Straße, oder war eine bestimmte Reifeneigenschaft der Auslöser?
- usw.
NmE sind das Fragen, die der ungeübte und untrainierte Fahrer nicht einwandfrei beantworten kann. In der Automobilindustrie bilden wir dafür Leute über mehrere Monate aus und es dauert dann Jahre, bis sie erstens gut fahren können und zweitens eine saubere Beurteilung machen können.
Also nein, ich glaube nicht, dass Amateur-Beschreibungen einem Reifen in jeder Hinsicht gerecht werden. Am ehesten wird es vielen Leuten gelingen, richtig schlechte Reifen zu erkennen. Aber ob ein Reifen wirklich in allen Disziplinen richtig gut ist, oder z.B. doch beim Spurwechsel mit ausbrechendem Heck bei 160 km/h Probleme mit der Stabilisierung hat (nur ein Bsp. einer OEM-Prüfung), werden wohl die wenigsten im öffentlichen Straßenverkehr beurteilen können. Es bleibt dann nur ein ungefährer erster Eindruck und ggf. noch eine grobe Beurteilung einzelner Disziplinen, wie z.B. einer etwas höheren möglichen Kurvengeschwindigkeit. Mir war es immer am Wichtigsten zu beurteilen, wie gutmütig ein Reifen ist, ob er einen breiten und sauberen Übergangsbereich hat und ob das Auto gut beherrschbar bleibt, nach dem es instabil geworden ist. So etwas kann man definitiv nicht mal nebenbei im öffentlichen Straßenverkehr beurteilen. Wie komplex das Thema ist, sieht man ja auch, wenn man sich den Katalog anschaut, den die Auto-Bild abfährt, begleitet von vielen Objektivmessungen.
Es ist ja häufig schon schwer, aus Beschreibungen, die hier auftauchen, zu erkennen, was genau gemeint ist und wann und wie das beurteilt wurde. Leider mache ich auch in meinen Trainings immer wieder die Erfahrung, dass das was Fahrer subjektiv erleben und beschreiben nicht zu dem passt, was das Auto objektiv macht. Da muss man dann erst einmal Begriffe klären und was aus der Fahrtechnik und was aus dem Auto kommt und dann hat man eine Basis für weitere Gespräche. Die Basis fehlt hier auch in der Regel.
Wieder viel Text, sorry. Kurz - ich lese die Beschreibungen hier interessiert und halte den Austausch auch für wertvoll und sinnvoll. Aber allein aufgrund solcher Erfahrungen und Empfehlungen kaufe ich mir keine Reifen.